DIN EN 1004-1 – die Norm für fahrbare Arbeitsgerüste
Die DIN EN 1004-1 (Ausgabe 2021-03) ist die aktuell gültige europäische Norm für fahrbare Arbeitsgerüste aus vorgefertigten Bauteilen. Sie hat die frühere DIN EN 1004:2005 vollständig ersetzt. Wer heute ein Rollgerüst, Fahrgerüst oder Zimmerfahrgerüst kauft, aufbaut oder verwendet, muss sich an der DIN EN 1004-1 orientieren. Ergänzt wird sie durch die DIN EN 1004-2 (Sonderkonstruktionen) und die TRBS 2121-2 zur Gefährdungsbeurteilung durch den Arbeitgeber.
Was regelt die DIN EN 1004-1?
Die Norm definiert die Anforderungen an fahrbare Arbeitsgerüste aus vorgefertigten Bauteilen in den Bereichen:
- Werkstoffe und Bauteile (Vertikalrahmen, Plattformen, Rollen, Seitenschutz, Bordbretter)
- Abmessungen und Höhenabstufungen
- statische und dynamische Belastungen
- Standsicherheit, Ballastierung und Wandabstand
- Prüfverfahren (Aufbau- und Stabilitätsprüfung beim Hersteller)
- Informationspflichten des Herstellers: Aufbau- und Verwendungsanleitung in Landessprache
Was hat sich gegenüber der alten DIN EN 1004 geändert?
Wesentliche Anpassungen der Ausgabe 2021:
- Einteilung in zwei Normen: Teil 1 für Gerüste aus Systembauteilen, Teil 2 für Sonderkonstruktionen aus Rohren
- Strengere Anforderungen an den Seitenschutz: dreiteilig (Geländer, Zwischenholm, Bordbrett) auf der obersten Plattform bereits ab 1,00 m Standhöhe
- Lastklassen aus der EN 12811-1 übernommen (Klassen 1 bis 6)
- Einheitliche Prüfzeichen auf Bauteilen
- Erweiterte Hersteller-Dokumentation einschließlich Montageplänen und Rückbauhinweisen
Wichtig: Gerüste, die vor 2021 nach der alten DIN EN 1004 produziert wurden, dürfen weiter verwendet werden, sofern sie sich in einem einsatzsicheren Zustand befinden und durch einen Sachkundigen geprüft sind. Neubeschaffungen müssen der DIN EN 1004-1 entsprechen.
Einsatzbereiche und Aufbauhöhen nach Norm
Die DIN EN 1004-1 unterscheidet Rollgerüste nach ihrer höchstzulässigen Standhöhe:
- Innenbereich: bis 12,00 m Standhöhe der obersten Arbeitsplattform
- Außenbereich, frei stehend: bis 8,00 m Standhöhe
- Größere Höhen: nur mit Verankerung, Ballastierung oder Konsolen nach Aufbauanleitung
Die erlaubte Einsatzhöhe hängt außerdem von Lastklasse, Windlast und Untergrund ab – dies ergänzt die TRBS 2121-2.
Lastklassen nach DIN EN 1004-1 / EN 12811-1
| Klasse | Belastung | typischer Einsatz |
|---|---|---|
| 1 | 0,75 kN/m² | Inspektions- und Kontrollarbeiten |
| 2 | 1,50 kN/m² | Malerarbeiten, Putzarbeiten |
| 3 | 2,00 kN/m² | Elektro-, Installations-, Trockenbauarbeiten |
| 4 | 3,00 kN/m² | Verputzarbeiten, Fliesenarbeiten, kleinere Maurerarbeiten |
| 5 | 4,50 kN/m² | Maurerarbeiten, Betonarbeiten |
| 6 | 6,00 kN/m² | schwere Maurerarbeiten |
Rollgerüste werden üblicherweise in Klasse 2 oder 3 ausgeführt. Die Lastklasse ist auf dem Typenschild und in der Aufbauanleitung des Herstellers angegeben.
Aufstieg nach DIN EN 1004-1: Innen statt außen
Ein zentraler Sicherheits-Punkt der Norm betrifft den Auf- und Abstieg. Die DIN EN 1004-1 schreibt vor, dass der Aufstieg auf ein fahrbares Arbeitsgerüst ausschließlich von der Innenseite des Gerüsts erfolgen darf. Der Standard ist der Aufstieg über die Rahmen-Sprossen der Vertikalrahmen — viele Modelle bieten zusätzlich integrierte Innen-Leitern, Treppen-Module oder Schräg-Aufstiege. Allen gemeinsam: die aufsteigende Person befindet sich innerhalb der Gerüst-Konstruktion, geschützt durch den Seitenschutz der oberen Plattformen.
Das Außen-Klettern am Vertikalrahmen ist nach der Norm und nach TRBS 2121-2 ausdrücklich untersagt. Es ist nach BG-Bau-Statistik eine der häufigsten Ursachen für tödliche Stürze. Auch das Aufsteigen auf der Außenseite einer Diagonalstrebe oder das Hochziehen über einen Ausleger gelten als nicht bestimmungsgemäße Verwendung.
Hinzu kommt die 2-Meter-Regel für Plattformen-Abstände: Zwischen zwei begehbaren Ebenen darf nach DIN EN 1004-1 maximal 2,00 m liegen. Auf jeder Zwischen-Plattform muss ein Übergang vorhanden sein, sodass eine aufsteigende Person nicht über mehrere Meter ohne Trittfläche klettern muss. Bei modernen Modellen mit Safe-Quick®, GuardMatic oder Smart-Art ist diese Regel konstruktiv erzwungen.
Klasse 3 als Maximum für Rollgerüste — Abgrenzung zur Fassaden-Norm
Für fahrbare Arbeitsgerüste nach DIN EN 1004-1 ist Klasse 3 die höchstzulässige Lastklasse (2,00 kN/m² = 200 kg/m²). Klassen 4, 5 und 6 sind in der Norm zwar formal definiert, kommen aber in der Praxis bei fahrbaren Konstruktionen nicht vor — sie sind den stationären Fassadengerüsten nach DIN EN 12810 und DIN EN 12811-1 vorbehalten.
Der Grund liegt in der Statik: Höhere Lastklassen verlangen massivere Vertikal-Rahmen und größere Standfußabstände, die bei einem fahrbaren Gerüst die Mobilität aufheben würden. Wer für Maurerarbeiten oder Putzarbeiten ein Gerüst der Klasse 4+ benötigt, greift zum klassischen Fassadengerüst — kein Rollgerüst.
Praxis-Empfehlung pro Gewerk:
- Maler, Tapezierer: Klasse 2 ausreichend, Klasse 3 für Komfort
- Trockenbau, Elektrik, Sanitär: Klasse 3 (Material + Werkzeug auf der Plattform)
- Wartung / Industrie: Klasse 3 mit Doppel-Plattform (1,35 m breit) für Bewegungsfreiheit
- Putz-/Maurerarbeiten am Außenbau: Fassadengerüst Klasse 4+ statt Rollgerüst
Standsicherheit und Verankerung: Praxis-Werte
Die Norm definiert nicht nur die Plattform-Belastbarkeit, sondern auch die Kipp-Sicherheit über Ausleger, Ballastierung und Verankerung. Faustregeln aus der Aufbau- und Verwendungsanleitung der gängigen Hersteller:
- Innen-Einsatz, frei stehend: Standhöhe bis 12 m mit Ausleger (Stabilisator) ab 5 m
- Außen-Einsatz, frei stehend: Standhöhe bis 8 m mit Ausleger ab 5 m
- Größere Standhöhen: Verankerung am Baukörper (Mauerwerk, Dachsparren) oder zusätzliche Ballastierung
- Windlast: Bei Wind ab Stärke 6 (über 38 km/h) Einsatz unterbrechen — Gerüst sichern oder zurückbauen
- Untergrund: Druckverteilende Unterlagen bei weichen oder geneigten Flächen, Rollen mit Bremse arretieren
Verschieben des Gerüsts mit Personen oder Material auf den Plattformen ist nach Norm verboten. Das Gerüst muss vor jedem Standort-Wechsel auf die untere Ebene zurückgesetzt werden.
BG-Bau-Förderung 2026 für DIN-EN-1004-1-Modelle
Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG-Bau) fördert über das Programm Arbeitsschutzprämien Anschaffungen, die über die normative Mindestanforderung hinausgehen und das Unfall-Risiko aktiv senken. Im Bereich Rollgerüste sind 2026 folgende Komponenten förderfähig:
- Vorlaufendes Geländer (Safe-Quick®, GuardMatic, Smart-Art): bis 50 % Zuschuss auf den Mehrpreis gegenüber Standard-Modell
- Innen-Treppen-Aufstieg und Schräg-Aufstiege: ergonomisch belastbarer, geringeres Sturzrisiko
- 1-Personen-Modelle mit integriertem Aufbau-Mechanismus (Altrex Mi TOWER, MUNK FlexxTower)
- Plattformen mit Luke und durchgehender Aufstiegsfläche statt ungesicherter Öffnungen
Antragsweg: Mitgliedsbetrieb der BG-Bau → Antrag im Mitgliederportal → Auszahlung nach Vorlage von Konformitätserklärung und Rechnung. Maximal-Förderung 10.000 € pro Betrieb und Jahr. Bei autorisierten Fachhändlern ist die Konformitätserklärung Bestandteil jeder Auslieferung.
Pflichten des Käufers und des Arbeitgebers
Neben der Norm selbst gelten mehrere Regelwerke für die Praxis:
- TRBS 2121-2 – Betriebssicherheit bei Gerüstverwendung, Gefährdungsbeurteilung, Unterweisung
- BetrSichV – Betriebssicherheitsverordnung
- DGUV Information 201-011 – Handlungsanleitung für Fahrgerüste
- Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers – zwingend am Einsatzort vorhanden
Der Arbeitgeber muss sicherstellen, dass das Gerüst nur von unterwiesenen Personen auf-, um- und abgebaut wird und regelmäßig durch einen Sachkundigen geprüft wird.
FAQ
Ist die DIN EN 1004 noch gültig?
Nein. Die frühere DIN EN 1004 ist seit 2021 zurückgezogen und wurde durch DIN EN 1004-1 ersetzt.
Muss ich mein altes Rollgerüst ersetzen?
Nicht automatisch. Bestehende Gerüste dürfen weiter verwendet werden, solange sie sicher sind und durch einen Sachkundigen geprüft wurden.
Wo finde ich die Prüfkennzeichnung auf dem Gerüst?
Auf dem Typenschild der Vertikalrahmen bzw. in der mitgelieferten Aufbau- und Verwendungsanleitung.
Welche Lastklasse brauche ich für welche Arbeit?
Für leichte Malerarbeiten reicht Klasse 2, für Elektro- und Trockenbau Klasse 3, für Putz- und Fliesenarbeiten Klasse 4. Im Zweifel den höheren Wert wählen.
Wie wird das Rollgerüst gegen Umkippen gesichert?
Über Ausleger (Stabilisatoren), Ballastierung oder Verankerung am Baukörper. Ab 5 m Standhöhe sind nach Aufbau- und Verwendungsanleitung des jeweiligen Herstellers Ausleger Pflicht. Die Rollen werden mit Feststellbremsen arretiert.
Darf ich das Rollgerüst mit Personen darauf verschieben?
Nein. Die DIN EN 1004-1 verbietet das Verschieben mit Personen oder Material auf den Plattformen ausdrücklich. Vor jedem Wechsel des Standorts müssen die Plattformen geräumt sein.
Was ist der Unterschied zwischen Klasse 3 und Klasse 4?
Klasse 3 (2,00 kN/m²) ist die höchste in der Praxis vorkommende Klasse für Rollgerüste. Klasse 4 (3,00 kN/m²) ist nicht für fahrbare Arbeitsgerüste, sondern für stationäre Fassadengerüste nach DIN EN 12810/12811-1 reserviert.
Wie oft muss ein Rollgerüst geprüft werden?
Vor jeder Verwendung Sichtprüfung durch eine unterwiesene Person, mindestens jährlich Prüfung durch einen Befähigten nach BetrSichV. Nach jedem Auf- und Umbau ist eine Funktionsprüfung Pflicht.
Wer haftet bei einem Sturz vom Rollgerüst?
Bei nicht-bestimmungsgemäßer Verwendung (Außen-Klettern, Klasse-Überlastung, unsachgemäßer Aufbau) haftet der Arbeitgeber bzw. die handelnde Person. Bei normgerechter Verwendung mit Originalteilen und dokumentierter Sachkundigen-Prüfung greifen die Versicherung und die Hersteller-Haftung nach Produkthaftungsgesetz.
Sind Plattformen mit Luke nach DIN EN 1004-1 Pflicht?
Bei Aufstieg über die Rahmen-Sprossen oder Innen-Leiter sind Plattformen mit Luke der Standard, weil die Luke nach dem Aufstieg geschlossen werden kann. Bei Schräg-Aufstiegen oder Treppen-Modulen kann die Plattform durchgängig sein.
Hersteller- und Miet-Hubs zur DIN EN 1004-1
Alle gängigen Hersteller produzieren ihre fahrbaren Arbeitsgerüste nach DIN EN 1004-1. Direkter Zugang zu den Hubs:
- Altrex Fahrgerüste — RS TOWER 41/42/51/52/53/54
- KRAUSE Gerüste — STABILO, MONTO, CORDA, ClimTec, ProTec
- MUNK Günzburger Steigtechnik Rollgerüste
- Hymer-Leichtmetallbau Rollgerüste mit SAFE-T-System
- ZARGES Aluminium-Rollgerüste
- ASC Group Aluminium-Rollgerüste
Vermietung im Rheinland nach DIN EN 1004-1:
- Rollgerüst-Vermietung NRW — Übersicht und Tarife
- Rollgerüst mieten Köln
- Rollgerüst mieten Bonn
- Rollgerüst mieten Rhein-Sieg-Kreis
- Treppenhaus-Gerüst mieten
Siehe auch
- DIN EN 1004-1
- Normen – Fahrgerüste
- Lastklasse
- Gerüstklassen
- TRBS 2121-2
- Überprüfung von Fahrgerüsten
Quellen
- DIN EN 1004-1 (2021-03) bei Beuth
- DGUV Information 201-011 — Verwendung von Arbeits-, Schutz- und Montagegerüsten
- TRBS 2121 Teil 2 bei BAuA
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